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Dies war ein schrecklicher Tag heute. Unzählige Male kämpfte ich mit den Tränen. Entweder bin ich zu sensibel, mein Ego ist zu gross oder mein Selbstbewusstsein zu klein.

Nachdem ich nun einige Tage mehr oder weniger einfach zugeschaut habe, hiess es heute plötzlich: Diese Patientin behandelst du. Ich meine, obwohl ich seit 10 Jahren eine eigene Praxis habe, und gut davon lebe, meine Aku*punkturausbildung inkl. Diplomarbeit im Juni abgeschlossen habe, komm ich mir vor, als wäre ich der grösste Depp.

Die Art, wie ich meine Patienten behandle, und auch die Art wie es bei uns im allgemeinen mit der Alternativmedizin läuft, unterscheidet sich stark mit der Art der Chinesischen Ärzte. Hier wird in kürzester Zeit das Nötigste getan. Das Wellbeeing der Patienten spielt keine Rolle. Es ist der Arzt, der entscheidet.

Gut, ein paar Tage habe ich nun zugeschaut, ein bisschen assistiert. Nun hiess es plötzlich: diese Patientin behandelst du. Und zwar schnell, verschwende keine Zeit. Die Chinesen Aku*punktieren immer nach einem bestimmten Muster. Und ich denke mir, ich sollte es ihnen gleich tun. Das kann ich aber nicht. Logisch. Ich werde unsicher bei der Punkteauswahl und Lokalisation. Dies blockiert mich. Ich komme mir blöd vor, weiss nicht, was tun.

Sie sagen mir, ich soll diese Elektroakupunkturmaschine anschliessen, ohne mir zu erklären, wie sie funktioniert. Also frage ich nach. Komme mir blöd vor. Ich soll Schröpfen. Zuhause tue ich das mit einer anderen Technik, habe dieses Gerät noch nie benutzt. Anfänger. Ich soll massieren. Ich beginne. Nein, nicht den ganzen Nacken, nur die Schulter. Verschwende nicht deine Zeit. Die kleinsten Arbeiten, die ich verrichte, werden korrigiert. Nicht im Voraus genau erklärt, sondern: tu dies. Nein nicht so.

Keine Ahnung. Liegt es an den kulturellen Unterschieden, bin ich wirklich so blöd oder einfach zu sensibel, oder zu alt für dies. Oder auch einfach zu schwach im Selbstbewusstsein. Ich könnte einen Scheiss drauf geben. Schliesslich habe ich für dieses Praktikum eine Menge Kohle liegen lassen.
Tatsache ist, ich stand den ganzen Tag den Tränen nahe. Nicht sehr lustig und weiss grad echt nicht, wie ich das morgen schaffen werde…

Hinzukommt, dass es mit meiner Unterkunft auch nicht sehr weit her ist. Also alles tiptop. Gute Lage, ich habe alles, was ich brauche. Merke aber, dass meine Vermieterin nur bei Air*B&B ist, weil sie die Kohle nötig hat. Kein Interesse an kulturellem Austausch oder so.

Man könnte jetzt auch meinen, ich sei halt einfach ein Arschloch, weil mich alle so behandeln. Jedenfalls ich meine das auf einer Ebene langsam. Aber, was das Leben mich gelernt hat, und ich mit meinen 42 Jahren weiss jetzt langsam, ich bin ein Mensch, den man mag. Ich bin nett, einfühlsam, ehrlich, direkt, manchmal etwas zu direkt und ehrlich meinen engsten Freunden gegenüber, aber dies wird mitunter auch geschätzt.

Warum also in aller Welt lasse ich mich so verunsichern? Geschichten aus der Vergangenheit? Habe ich da etwas aufzulösen? Sind das alles meine Lehrmeister.

Phuuuu, ich wollte eigentlich die Zeit hier geniessen…

in der Klinik auf der nachbarinsel, wo wir jeweils am mittwoch nachmittag zum aku*punktieren hinfahren, hat es im Innenhof einen orangenhain. dort bin ich heute hin, nach der arbeit, ein paar orangen und mandarinen pflücken. einfach nur schön....

Also so ein smart*phone ist einfach etwas geniales. Mit Google-Map kann einem wirklich nichts mehr passieren. Gestern konnte ich endlich ein bisschen die Umgebung auskundschaften. Und so fand ich immer ganz leicht wieder zurück. Auch zurück in mein Zimmer. Abends hatte ich dann mit Leuten zum Essen abgemacht. Sie schlugen als Treffpunkt eine Hotellobby vor. Google*Map meinte: 20 Minuten zu laufen. Und so war es. Ansonsten hätte ich ein Taxi nehmen müssen :-)

komm ich mir so ein bisschen vor wie in einer Serie. Die, die den ganzen Tag arbeitet, zu nichts kommt daneben, am Feierabend noch einkaufen geht, was kocht und sich dann hinter dem Laptop verbarikadiert. Immerhin hab ich heute Abend gekocht, und nicht so, wie gestern nur ein paar Crackers gegessen…

Tja, einmal wieder weiss ich, dass ich nichts weiss. Der Chinesische Arzt hat mir gesagt, dass ich komplett falsch nadle. Ich muss jetzt, wie ganz am Anfang, Orangen und Kissen und so Akupunktieren. Zum üben. Ja, das war eine bittere Pille, und mein Ego freute sich überhaupt nicht. Aber nun weiss ich, was mein Fokus ist für diesen Monat hier. Eine Nateltechnik vom Seidenfeinen entwickeln. Und eigentlich, wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich schon mal gesagt, dass ich mir da unsicher bin, und denke, ich könnte noch vieles verbessern. Von daher. Okay okay.

noch was schockierendes für mich: jetzt wollte ich über Internet eine Serie angucken, die mit den Knochen. kann man ja bei uns, gratis wenns die letzte Folge war und noch keine Woche her. Aber da kommt die Meldung: Sorry, in dem Land in dem sie sind ist diese Option nicht freigeschaltet. Einige Sendungen kann man aber anschauen, einige nicht. Zensur also... Irgendwie kann ich mir das gar nicht vorstellen...

Tja, jetzt sitz ich hier, es ist erst sieben und ich bin zu müde um noch rauszugehen. Zu gefüllt bereits von Eindrücken des Tages, als dass ich noch mehr entdecken möchte. Ausserdem habe ich schlecht geschlafen. Das Bett müffelt, dabei liebe ich wohlriechende Düfte. Den ganzen Tag über habe ich gelüftet, und als ich heimkam, roch mein Zimmer bereits recht gut. Aber das Fenster geht in einen Lichtschacht, wo wohl auch die Dampfabzüge hingehen und jetzt riecht es nach Zwiebeln. Aber man hört auch allerlei Stimmen. Gerade eben eine Frauenstimme, die sich lautstark beklagte, jedenfalls dem klang nach. Verstehen kann ich es ja nicht. Jetzt ändert es in jammern. Vorhin war Musik zu hören, und eine jugendliche Stimme, die dazu sang… Wie lebendig.
Die Küche hier ist auch siffig, also hatte ich noch keinen Bock zum Kochen, erst recht nicht, da ich auf die Schnelle kein frisches Gemüse auftreiben konnte. So begnüge ich mich mit Crackers und einem Glas Wein. Gott komm ich aus einer perfekten Welt. Dabei sind wir hier noch in Europa. Es tut doch immer auch gut, sich das wieder vor Augen zu führen.
Warten musste ich oft heute. Und es hat mich überhaupt nicht gestresst. Zum Glück. Warten, auf den Vermittler, der mich in die Klinik bringen sollte diesen Morgen, und dann haben wir eine Fähre verpasst, abends bei der Rückkehr. Es war mir egal. Ich habe nichts Besseres vor. Keine Verpflichtungen. In mir drin fühlt es sich ruhig an. Ich bin im Moment. Ich bin hier. Und erst in knapp 4 Wochen werde ich wieder nach Hause fliegen. Und ich bin so froh, dass es sich so ruhig anfühlt in mir. Es könnte schwieriger sein. Und dieses die Tage vorzu nehmen wird mir guttun.
In der Klinik waren die Eindrücke sehr stark. Die Art wie man hier behandelt. Meine Patienten zuhause haben Luxus pur im Vergleich. Heute, auf der Nachbarsinsel warteten die Leute bereits mit hochgekrempelten Hosenbeinen und freien Schultern, zu sechst in einem Zimmer, schwatzen und freuten sich, als der Chinese Doctor endlich eintraf. Dieser nadelte im Akkord, die Menschen so vertrauensvoll und dankbar. Es war alles so unkompliziert. Gegen Ende liess der Doctor den anderen Praktikanten die Nadeln rausnehmen und zeigte mir den wunderschönen Orangenhain im Innenhof des Spitals, wo wir ein paar Orangen pflückten…

 

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